Nahrungsmittel-Skandalen zum Trotz: Der Schlüssel heißt Vertrauen

Nahrungsmittel-Skandalen zum Trotz: Der Schlüssel heißt Vertrauen

Written by Bianca Gade

Topics: Strategie & Analyse

Zuerst freuen sich die Vegetarier über den Gammelfleischskandal, dann die Veganer, dass wir keine Eier- und Milchprodukte essen können und nun das: Ist EHEC die Rache an all der tierfreundlichen Schadenfreude? Wie dem auch sei: Mich nervt es tierisch als Verbraucherin nicht mehr sicher sein zu können, was ich noch essen kann und was nicht. Ein Skandal jagt den anderen, ess´ dies nicht, ess´ das nicht, mach das und mach jenes, scheint mein Leben zu bestimmen. Aber wisst ihr was? Das ist klagen auf hohem Niveau. Denn wen es bei solchen Skandalen immer  am Härtesten trifft, sind die Bauern. Dabei vermisse ich meinen Mais-Gurken-Paprika-Feta-Salat zu meinem saftigen Steak, und mir blutet das Herz, wenn ich die Billig-Preise für die Salatköpfe sehe. Wer soll bitte davon noch leben? Und trotz der Meldungen, dass in meinem Bundesland keine Erreger gefunden wurden, greife ich nicht beherzt zu – und schade damit allen. Bewusst. Mich eingeschlossen. Aber die Unsicherheit siegt. Geht es Euch genauso? In solchen Fällen kommt bei mir vor allem ein Wunsch hoch: Bitte liebe Bauern und Lebensmittelhersteller, -kontrolleure und -vertriebe: Gebt uns Kunden viel mehr Transparenz in dem, was Ihr tut! Wir wollen Euch doch vertrauen. Wir wollen doch gesunde und leckere Sachen essen und trinken können. Und wir wollen keine Angst davor haben, krank zu werden oder das Risiko eingehen, dass unsere Lieben es werden. Und ich wünschte von Herzen, es gäbe hier ein Umdenken – es wäre doch für alle das Beste. Aber anstatt Chancen in der offenen Kommunikation zu sehen, schotten sich viele ab und werkeln im Verborgenen vor sich hin. Warum? Gibt es was zu verbergen? Oder ist es einfach zu anstrengend? Oder seht Ihr den Nutzen nicht, wenn Euch Kunden vertrauen?

Dass meine Wünsche nicht utopisch sind, kann ich sogar beweisen. Denn es gibt einen Lebensmittellieferanten, dem ich blind vertraue. Von dem ich weiß, dass da nichts gepanscht wird und sowohl auf die Produktqualität als auch auf gute Arbeitsverhältnisse geachtet wird. Ich weiß es deswegen, weil die Geschäftsführerin Andrea Juchem eine Person ist, die nicht nur von Nachhaltigkeit erzählt, sondern sie lebt. Das zeigt sie in ihren Blogbeiträgen, auf Facebook und auf Twitter – und vor allem zeigt sie es, in dem sie sie ist und sich immer treu bleibt. Nie habe ich so viel über Lebensmittelproduktion gelernt. Ich fiebere mit, wenn die Flut droht das Anwesen zu beschädigen und auch, wenn die derzeitige Dürre, der Ernte schadet. Hierbei lerne ich nicht nur, ich denke um. Und sollte jemals ein geschäftsschädigender Skandal drohen, so würde ich trotzdem ihre Backmischungen kaufen, wenn sie sagt, dass sie nicht schädlich sind. Warum? Weil ich das Vertrauen darin habe, dass es ihr nicht um den schnöden Mammon geht.

Wenn also der Kunde den Bauern vertrauen wollen und der Bauer keine existenziellen Ängste mehr ausstehen möchte – wie bringt man beide zusammen? Sehen wir uns doch mal das Beispiel der Juchem Gruppe an, die das meiner Meinung nach, hervorragend umsetzt.

Wer, wo und was?
Die Unternehmens-Gruppe ist ein mittelständisches Familienunternehmen im saarländischen Eppelborn, die Nahrungsmittel für Mensch und Tier produziert. Dies sind vor allem Fette, Eier und Getreide. Außerdem verkaufen sie Brot und Kuchen Backmischungen für den Endverbraucher. Der Vertrieb findet  in großen Supermärkten aber auch in ihrem Fabrikverkauf in Eppelborn und in ihrem Online-Shop statt.

Wie wird im Social Web kommuniziert?
Es gibt mehrere Blogs und Twitter-Accounts. Darunter zählen:

  • SchlauerBacken.de: Ein Blog über die kreative Kunst des Backens. Passend dazu natürlich der Twitter-Account @schlauerbacken und auch die sehr sehr dialogorientierte Facebook-Seite.
  • Bauernblog.de: Ein Blog über Landwirtschaft und Tierhaltung. Speziell für ihre Kunden im B2B-Bereich aber auch für Menschen, die sich einfach so dafür interessieren. Getwittert wird hier unter @JuchemFood.
  • Auch gibt es eine Facebook-Seite der Juchem-Gruppe – toll, mit persönlichen Bildern, z.B. beim Bau eines Sprühturms oder beim Team-Meeting.

Natürlich bloggt Andrea Juchem auch persönlich – wäre es sonst authentisch? Darüber hinaus trifft man sie immer wieder auf Events wie dem Twitter-Stammtisch oder sie macht selbst welche – wie z.B. das Twitter-Power Event oder im März 2011 das SaarBack-Event, wo alle Blogger und Twitterer eingeladen wurden, die Backmischungen auszuprobieren. Übrigens hat sie mir danach noch ein kleines Interview zu den Themen Nachhaltigkeit und Management gegeben:

Ähnliches macht auch das wohl bekannteste Lebensmittelproduzent im Social Web: Walther Saft. Geschäftsführerin Kirstin Walther bloggt und twittert schon seit Ewigkeiten und genießt durch ihre Präsenz – übrigens auch offline – großes Vertrauen.

Genau so wünsche ich es mir als Verbraucher. Ich möchte vertrauen können und keine Angst davor haben krank zu werden. Natürlich kann das nie zu 100% ausgeschlossen werden – aber jeder kann etwas dazu beitragen, dass wir mit offener und transparenter Kommunikation diejenigen ausschalten, die uns etwas vormachen wollen und schlimmer noch: Die ehrlichen unter ihnen, auch noch damit schaden. Letzten Endes gewinnen durch Transparenz doch beide Seiten: Der Verbraucher erhält mehr Sicherheit und der Produzent/Vertrieb weniger Verlust. Oder sehe ich das alles zu rosarot? Was meint Ihr dazu?

Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/rainerebert/4811500261/

4 Kommentare Comments For This Post I'd Love to Hear Yours!

  1. Andrea sagt:

    Wow, Bianca, vielen Dank für den super tollen Artikel. Ich fühle mich und uns auf ein Podest gestellt und weiß gar nicht, ob wir/ich da hingehören.

    Wir bemühen uns wirklich transparent zu sein und zu zeigen, und wenn mich jemand offen etwas fragt, bemühe ich mich, das nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Aber einfach ist das nicht. Weil heute viele Leute meinen zu vielem bzw. allem etwas sagen zu können, weil Brocken aufgeschnappt werden, die gut in das Bild passen das man hat.

    Du schreibst, dass es mir “nicht um den schnöden Mammon geht”.

    Einerseits stimmt das und andererseits nicht. Gewinn zu machen ist das erste Ziel im Unternehmen, aber nicht um des Geldes willen sondern weil ohne ein Überleben nicht möglich ist. Weil man keine Löhne zahlen kann, nicht in Sicherheit und Qualität investieren, nicht in neue Technologien und verbesserte Anlagen. Dazu gehört der absolute Wille Geld zu verdienen. Aber was du meintest war ganz sicher: das Streben nach Gewinn nicht zugunsten von Arbeits- und Produktqualität, Sicherheit und Zukunfstinvestionen zu opfern. In diesem Sinne hast du natürlich Recht.

    Mit Grundnahrungsmitteln – sogenannten low interest products – heute sein Geld zu verdienen ist unglaublich schwierig. Wenn wir überhaupt über Spannen reden, dann im deutlich niedrigen einstelligen Bereich.

    Es ist so schade, dass die Lebensmittelindustrie seit ein paar Jahren quasi unter Generalverdacht steht. Viel hat sie sich selbst zuzuschreiben (z.B. ohne Konservierungsmittel zu deklarieren und dann Hefeextrakt ins Produkt zu hauen) aber viel hat auch mit Verbrechern zu tun, die es eben auch in unserem Gewerbe gibt und die den Ruf einer ganzen Branche ruinieren (Dioxin, Gammelfleisch).

    Bis auf ein paar große sind die Lebensmittelhersteller auch noch größtenteils mittelständisch geprägt. Und glaub mir, die meisten Kollegen sind so drauf wie wir. Die haben nur soviel damit zu tun, bei geringen Margen ihre Läden am laufen zu halten, dass vielleicht auch dadurch die Transparenz auf der Strecke bleibt. Und außerdem Transparenz muss man auch erst mal lernen. Und es macht Angst. Wie schön, wenn du dann aber wiederum durch deinen Artikel Mut machst, Transparenz zu wagen.

    Nochmals herzlichen Dank

    Andrea

    PS: Möchte dir neben Kirsten die du ja schon erwähnt hast, auch noch die Unternehmerin Anita Freitag-Meyer empfehlen. Sie bloggt und twittert und facebooked seit ein paar Monaten zur Keks- und Waffelfabrik Hans Freitag und bei ihr findest du auch sehr interessante Artikel zu Lebensmitteln und Rohstoffen und zum Unternehmen allgemein. Ach ja und die “Jungs” von mymüsli auch nicht zu vergessen.

  2. Digitalnaiv sagt:

    Sehr schöner Beitrag. Ich finde es immer wieder erschreckend, wieviele Leute, die es sich wirlklich leisten können, in bekanntem Supermarkt-Ketten eingeschweisste und gut bestäubte Lebensmittel kaufen. Und das mit dem Vertrauen ist absolut wichtig. Meinen Winzer aus der Pfalz kenne ich und er hat mir gezeigt und erklärt, wie er anbaut. Gleiches gilt für meine italienische Bezugsquelle, die mir ein Freund empfohlen hat, und wo ich unterdessen seit 10 Jahren mein Olivenöl und meinen Grappa beziehe. Gemüse wird beim bekannten Händler oder direkt auf dem Wochenmarkt direkt vom Bauern aus dem Odenwald gekauft. Gleiches gilt für Metzger, Fischhändler oder Bäcker. Es kostet vielleicht etwas mehr Mühe, Zeit und Geld, aber ich fühle mich wohler dabei. Und gutes Essen und Trinken ist ganz sicher ein Stück Lebensqualität.

  3. Pooly sagt:

    Guter Artikel! Dem will ich eigentlich nichts weiter hinzufügen.

    Vor einiger Zeit lief auf ARTE die DOkumentation “Unser täglich Gift”. (auch hier auf YouTube zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=KOL2GZdbvuA).

    Es ging in der Doku darum, dass es eigentlich FAST gar keine unbehandelten Lebensmittel mehr gibt.
    Man vermutet auch, unabhäbgig von EHEC, dass viele Industrieprodukte (aka Lebensmittel) verantwortlich für Alzheimer und Krebs sind.
    Das geben sogar die Hersteller in der Doku zu.

    Was EHEC angeht, da habe ich nocht so viel Angst. Siehe Schweinegrippe etc.
    Wenn man das Gemüse ordentlich wäscht, oder in die Pfanne haut, dann ist das Risiko ohnehin weit aus geringer.
    Ich habe da eher Bedenken bei Kantinen und zahlreichen Fastfood Läden, was da alles in der Küche passiert, will ich lieber nicht wissen.

  4. Bianca Gade sagt:

    @Andrea: Natürlich meinte ich es mit “schnöden Mammon” etwas provozierend und ja, Deine Formulierung ist weitaus korrekter als meine. Schnöde wird Geld auch erst für mich, wenn es einzig und allein nur darum geht Profit zu machen – und alles weitere auf der Strecke bleibt. Dass sich Geld und Nachhaltigkeit vereinbaren lässt, indem transparente Kommunikation aktiv gelebt wird und das Vertrauen wachsen kann, das sehe ich an Dir. Und von dem Podest kommst Du mir so schnell nicht runter ;) Hab vielen Dank auch für die weiteren interessanten Beispiele!

    @Stefan: Ich denke auch, dass sich die Mühe lohnt – aber es ist natürlich auch immer ein Zeit- und Geldfaktor sich hochwertige Lebensmittel zu beschaffen. Andererseits ist kein Geld der Welt besser, als in die eigene Gesundheit investiert. Wir holen unser Öl und Grappa übrigens auch direkt aus Italien ;)

    @Pooly: Seltsamerweise tangierte mich Schweinegrippe nicht ein bisschen, aber EHEC schon. Ich esse wie Du trotzdem Gemüse, aber nur jenes, was ich auch warm machen kann. Anstatt Salat gab´s gestern Gemüsepäckchen vom Grill. Es geht schon irgendwie aber so wie Stefan richtig sagt: Es geht Lebensqualität verloren. Hab vielen Dank für den interessanten Doku-Tipp!

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  1. Link Sammelsurium {05/11} // Pooly.net
  2. Post per Keks: Back Dich in´s Nerd-Herz | qkies.de | ChiliConCharme

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